15. Extrabeitrag Moskau

Wie versprochen nehme ich Sie mit auf meine Reise in die Weltstadt Moskau.

In den letzen Jahren haben wir im Herzen der Stadt zwei große Orgeln aufwändig restauriert, und zwar 2005/06 die Sauerorgel der Peter und Paul Gemeinde und 2007-2012 die Ernst Röver Orgel in der Baptistengemeinde. So hatte ich schon oft das Vergnügen, die Stadt zu besuchen und ich freue mich persönlich jedes Mal darauf.

Sauerorgel in der Peter und Paul Kathedrale, Aufnahme abends als die Sonne die Westrosette durchflutet

Sauerorgel in der Peter und Paul Kathedrale, Aufnahme abends als die Sonne die Westrosette durchflutet

Doch der Grund dieser Reise schmerzt mich als Orgelbauer.

Die Orgel ist völlig eingestaubt. Nur zwei Jahre nach der Restaurierung der Sauerorgel und der feierlichen Wiedereinweihung der Kirche fanden erneut umfangreiche Baumaßnahmen statt. Die Orgel wurde dem Baustaub ungeschützt ausgesetzt. Eine zwei Millimeter dicke Staubschicht liegt auf den Kernen der Pfeifen, dem Gehäuse, der Balganlage, den empfindlichen Ledermembranen und Tonbälgen. Selbst geschützte Bereiche, wie das Schwellwerk oder der komplett verschlossene Spieltisch sind gleichermaßen verschmutzt.

Auf dem Gehäusegesims.

Auf dem Gehäusegesims.

Sogar vertikal sind sämtliche Pfeifen und Teile der Orgel verschmutzt

Sogar vertikal sind sämtliche Pfeifen und Teile der Orgel verschmutzt

Diese Bleirohre liegen gut geschützt unter einem geschlossenen Podest. Was war da für ein Staub in der Kirche???

Diese Bleirohre liegen geschützt unter einem geschlossenen Podest. Was war da für ein Staub in der Kirche???

Unter den Pfeifen, unter den Rastbrettern -überall ist der agressive Baustaub

Unter den Pfeifen, unter den Rastbrettern -überall ist der agressive Baustaub

Nachdem wir E I N E gekröpfte Pfeife aus der Orgel gehoben haben, staubte es so, dass ...

Nachdem wir E I N E gekröpfte Pfeife aus der Orgel gehoben haben, staubte es so, dass …

Tellermembranen die sich in Kombination von Staub und den hohen Klimaschwankungen stark verzogen haben

Tellermembranen, die sich in Kombination von Staub und den hohen Klimaschwankungen stark verzogen haben.

Ich möchte das Drama an dieser Stelle nicht weiter beschreiben, und ihr orgelliebendes Herz nicht weiter quälen, sondern ein wenig von der  bewegten Geschichte der Orgel erzählen.

Kaum eine Sauer-Orgel ist wohl so viel herumgekommen, wie die in der Peter und Paul Kathedrale zu Moskau. Trotzdem ist dieses Instrument in einem so originalen Zustand, wie man es wohl heute bei nur wenigen Sauer-Orgeln dieser Größe noch findet.

Die aufregende  Reise der Sauer-Orgel beginnt in der Michaeliskirche.

Michaeliskirche in Moskau

Michaeliskirche in Moskau, Quelle: Uni Oldenburg

Wilhelm Sauer lieferte diese Orgel mit 33 Registern 1898 in die evangelische Michaelis Kirche nach Moskau. Sie war eine der ca. acht öffentlichen Orgeln der größten Stadt Europas. Nach der Machtübernahme Stalins hatten evangelische Christen besonders zu leiden, und die Kirchenbauten wurden entheiligt, zweckentfremdet oder gar abgerissen. So wurde auch die Michaeliskirche 1928 geschlossen und zwei Jahre später dem Erdboden gleichgemacht.

Durch ein „Wunder“ überlebte die Orgel der Michaeliskirche. Wie? Dank einer neuen Aufgabe. Die Orgel wurde in das staatliche Krematorium umgesetzt. Dort tat sie von 1928 – 1996 ihren Dienst.

Nach der Perestroika erhielten die Gemeinden ihre Kirchen zurück. Nicht nur das, sondern auch entwendetes Inventar bekamen die Gemeinden wieder. Da es die Michaeliskirche nicht mehr gab, wurde – ganz kurz gesagt – die St. Peter und Paul Gemeinde zum Erben ernannt.

Unbenannt

100 Jahre Peter und Paul, festliche Wiedereinweihung der Kirche im Dezember 2005

Dank eines orgelliebenden Pfarrers und  eines „Wunders“ konnte dieses Erbrecht ebenso auf die Orgel geltend gemacht werden.

Herr Pfarrer Lotow demontierte die 33 registrige Orgel einschließlich der großen Balganlage mit einem Helfer. Die gesamte Demontage, der Transport auf dem LKW und die Einlagerung der Orgel in der St. Peter und Paul Kirche erfolgte in nur drei Wochen. Danach lagerte das Instrument  neun Jahre und musste einen weiteren hausinternen Umzug als völlig zerlegte Orgel überstehen.

Sie werden sicher zustimmen, wenn ich nun sage, dass ein weiteres Wunder ist, wenn diese Orgel heute wieder gespielt werden kann und kein Teil fehlt!

Doch, dass diese Orgel einer Generalreparatur bedurfte, ist kein Wunder!

Im nächsten Beitrag möchte ich Ihnen diese hochromantische Orgel etwas näher vorstellen. Bei 33 Registern geht kein Register über die 4‘ Tonlage hinaus. Wie kann das sein, fehlt da nicht etwas???

Mit Bildern werde ich Sie mit auf eine kleine Rundreise durch die Orgel nehmen und Ihnen neben den romantischen Registern auch etwas von der Technik zeigen.

Advertisements

Ein Gedanke zu „15. Extrabeitrag Moskau

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s